Bäume im Weingarten: Umathums Plan fehlt die Rechnung
Ein Bio-Winzer aus dem Burgenland sieht Österreichs Weinbau in seiner größten Krise und will zehntausende Bäume zwischen die Reben setzen. Kosten nennt er keine, und eine Studie von 2026 weist in die andere Richtung.

Josef Umathum, Bio-Winzer in Frauenkirchen im Burgenland, will in ganz Österreich zehntausende Bäume im Weingarten sehen, die den Reben bei Hitze und Dürre Schatten spenden sollen. Seine Presseaussendung nennt keine Gesamtzahl, keine Kosten und niemanden, der dafür bezahlen würde.
Der Aufruf ging am 5. Oktober über den österreichischen Pressedienst OTS hinaus, versandt für das Weingut Umathum. Die Überschrift spricht von der „größten Krise“ des Weinbaus. Umathum zählt immer längere Trockenphasen auf, die er nach eigenen Angaben seit 20 Jahren beobachtet, dazu sinkenden Absatz, neue Krankheiten und steigende Kosten. Die Methode, die er vorschlägt, heißt Vitiforst: Agroforstwirtschaft im Weingarten, bei der Reben, Bäume und Sträucher gemeinsam auf derselben Fläche stehen.
Er selbst betreibt das seit den 1990er-Jahren. Laut Aussendung begann er mit einzelnen Solitärbäumen und zählt heute weit über 1.000 Bäume und Sträucher zwischen seinen Reben, vor allem Feldahorn und Mirabelle, dazu Stachelbeere, Holunder und Schneeball. Er führt das Weingut seit 1985, stellte Ende der 1980er-Jahre auf biologische Bewirtschaftung um und arbeitet seit 2005 biodynamisch. Nach seiner eigenen Einschätzung sind solche Pflanzungen im österreichischen Weinbau „nicht einmal im Promillebereich“ verbreitet.
Ein Plan, der in zehntausenden Bäumen rechnet, braucht noch eine Zahl: Grad.
Was der Plan offen lässt
Die Aussendung nennt kein landesweites Ziel jenseits von „zehntausenden“, keine Dichte pro Hektar, keinen Preis pro Baum, keine Finanzierungsquelle und keinen Zeitplan. Sie führt auch keine einzige Temperatur an, die in seinen eigenen Weingärten gemessen worden wäre, weder mit noch ohne Schatten. Der Appell richtet sich an die Winzerkollegen und nicht an ein Ministerium. Bei seiner eigenen Dichte entsprechen zehntausende Bäume einigen Dutzend Betrieben, die so bepflanzt sind wie der seine.
Der Hintergrund, auf den er sich beruft, ist gut belegt. Am 10. September schätzte der Weinbauverband die diesjährige Ernte auf 1,7 Millionen Hektoliter, das sind 28 Prozent weniger als im Schnitt der Jahre 2021 bis 2025 und der niedrigste Wert seit 2010, wie wir in unserem Bericht über Österreichs Weinlese 2026 geschrieben haben; dieselben Zahlen nannte auch Trend. Der ORF berichtete bereits im August, der Verband habe erwogen, bis zu 10 Millionen Liter unverkäuflichen Rotwein zu Industriealkohol destillieren zu lassen.
Bäume im Weingarten: was die Forschung zeigt
Die Belege für den Nutzen von Schatten sind weniger eindeutig, als die Aussendung nahelegt. Eine Studie der Hochschule Geisenheim University, die in diesem Jahr in der Fachzeitschrift OENO One erschienen ist, untersuchte 2025 an drei deutschen Standorten Reben in 4, 6 und 18 Metern Entfernung von Baumreihen. Eine der Baumarten war der Feldahorn, eine der beiden, die Umathum am höchsten einschätzt. Die Reben, die den Bäumen am nächsten standen, litten unter stärkerem Wasserstress, mit einem frühmorgendlichen Blattwasserpotenzial von −0,37 MPa in 4 Metern gegenüber −0,14 MPa in 18 Metern, und sie brachten leichtere Beeren und geringere Erträge. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Konkurrenz um Wasser schwerer wog als jeder Vorteil durch Beschattung.
Sie benennen allerdings auch die Grenzen ihrer Arbeit: sechs ausgegrabene Rebstöcke, ein einziger Bodentyp, ein gemäßigtes Klima. Geisenheim ist nicht der Seewinkel, und drei Jahrzehnte Bäume im Weingarten auf einem biodynamischen Betrieb haben durchaus Gewicht. Sie bleiben aber die Beobachtung eines einzelnen Winzers, zu der bislang keine veröffentlichten Zahlen vorliegen. Bevor irgendjemand Bäume zu Zehntausenden bestellt, wäre die nützlichste Zahl der Stand eines Thermometers in Frauenkirchen.


